Juristenmesse - Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Prof. Clemens Sedmak (London/Indianapolis/Salzburg) bestach bei der Juristenmesse im Stift Seitenstetten mit seinen ethischen und theologischen Ausführungen zu Gerechtigkeit und Menschenwürde. Vor den anwesenden Juristinnen und Juristen aus der Verwaltung, Justiz und dem Notariatswesen beleuchtete er auch die rechtliche Dimension von Gerechtigkeit.

Gerechtigkeitsprobleme entstehen dort, wo Gleichheit und Ungleichheit zur selben Zeit auftreten. Gerechtigkeit ist nicht ganz erreichbar, da wir die Gleichheit aller Menschen nicht wollen. Da Menschenwürde die Einzigartigkeit des Menschen anerkennt, ist Gerechtigkeit nicht mechanisierbar. Es gibt keinen Katalog für Schuld und Sühne (auch wenn die mittelalterlichen irischen Mönche das versucht haben). Immer braucht es ein menschliches Urteil.

Zu Menschenwürde erzählte er eine Erfahrung aus dem größten Flüchtlingslager der Welt in Kenia, wo Menschen sich auch einmal Tee mit Zucker "leisten" wollen. Und dafür sogar die tägliche Ration Reis eintauschen. Armutsbetroffene wünschen sich auch ein kleines Stück Luxus. Das sollten wir auch in der Diskussion in Österreich ernst nehmen. Menschenwürde sei die Ehrfurcht vor der Einzigartigkeit des Menschen. Ohne die Erfahrung von Verwundbarkeit hätten wir nicht den Begriff der Menschenrechte. Er erinnerte daran, dass die Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948 ohne die Katastrophe des zweiten Weltkrieges nicht entstanden wäre.
Imago Dei
Arme, ausgegrenzte, verwundete Menschen können uns lehren, wie Gott den Menschen gemeint hat. Nicht mit Würde ausgestattet aufgrund großer Taten, sondern aufgrund der Ebenbildlichkeit Gottes. „Imago Dei“, wir Menschen sind Abbilder Gottes, das ist der tiefste Grund der Menschenwürde. Er rief auf, das auch in die säkulare Welt zu tragen. Das Postulat von „imago dei“ ist zu schön, um nicht erzählt zu werden.
Was heißt nun Würde konkret? Das Minimum ist eine anständige Gesellschaft, die nicht demütigt. Er gab einige Beispiele für Demütigungen: wenn Reinigungskräfte ignoriert werden, wenn wir Kassakräfte nicht anschauen, wenn Privatsphäre im Krankenhaus nicht geachtet wird... jeder solle in seinem Umfeld eigene Beispiele suchen.
Barmherzigkeit > Gerechtigkeit
Die Gerechtigkeit hat alles im Blick, aber die Barmherzigkeit hat den Einzelfall im Blick, so lehrt uns Papst Franziskus. Damit hat die Barmherzigkeit den Vorrang gegenüber der Gerechtigkeit und müsste die Grundlage des Zusammenlebens sein.
Für sich selber hofft er, dass Gott im Himmel Barmherzigkeit statt Gerechtigkeit gewähren wird.
Axel Isenbart


Foto: Vorsitzende des KAV Hofrat Dr. Angelika Beroun-Linhart, Hofrat des Verwaltungsgerichtshofes Mag. Norbert Brandl, Präsident des Landesgerichts St. Pölten Dr. Franz Cutka, Bezirkshauptfrau von Amstetten Mag. Martina Gerersdorfer, Schulamtsleiter Mag. Josef Kirchner, Referent Prof. DDDr. Clemens Sedmak, Caritasdirektor Hannes Ziselsberger, Abgeordnete zum NÖ Landtag Michaela Hinterholzer, Schulleiter des Bildungszentrums der Caritas Mag. Helmut Beroun, Geistlicher Assistent des KAV Hr. Mag. Mauritius Lenz