Kritischer Vortrag des evangelischen Bischof Bünkers über Martin Luther und die Juden

Beim „Tag des Judentums“ der Diözese St. Pölten im Bildungshaus St. Hippolyt erinnerte Mitorganisator Diakon Thomas Naske von der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Krems, dass alle Kirchen ihre Verwurzelung und ihr Fundament im Judentum hätten. Der „Tag des Judentums“ sei gut geeignet zur Selbstbesinnung der Christen, hieß es.

Der evangelische Bischof Michael Bünker appellierte in seinem Referat an die zahlreichen Teilnehmer/innen: „Besuchen wir Synagogen und laden wir jüdische Nachbarn zum Essen ein.“ Er zeigte auf, wie negativ eingestellt der berühmte Reformator Martin Luther gegenüber Juden gewesen sei. Gleichzeitig sei man in der evangelischen Kirche heute so weit, dass man auf die Mission von Juden verzichte und dass man das Nein der Juden zu Jesus Christus ruhig aushalten könne.

Weiters betonte Bünker, dass man sich der Geschichte bewusst sein müsse und was man Juden alles antat. Allem was antijüdisch sei, müsse sensibel begegnet werden – etwa in Form guter Übersetzungen der Bibel. Der Antisemitismus nehme heute dramatisch zu, zum überwiegenden Teil durch Rechtsextreme, dem müsse entschieden entgegnet werden. Als Christen sollten wir nicht müde werden, freundschaftliche Verhältnisse zu Jüdinnen und Juden zu schließen und Bünker gab auch zu bedenken: „Der Bund Gottes mit dem Volk Israel wurde nie gekündigt.“

Bünker beschönigte Martin Luthers Haltung zum Judentum nicht: Diese sei grundsätzlich negativ gewesen, allerdings mit Wandlungen. Man könne es durchaus als „Judenhass“ bezeichnen, wenngleich die judenfeindlichen Luther-Schriften in evangelischen Gebieten nicht umgesetzt wurden – auch wenn er in den letzten Lebensjahren die Verfolgung und Diskriminierung von der Politik gefordert habe. NS-Hauptverbrecher wie Julius Streicher hätten sich aber auf den Reformator bezogen und so wurde es sogar ein „eliminatorischer Ansatz“. Luther habe nicht nur gängige Vorurteile seiner Zeit aufgenommen, sondern sei noch weiter gegangen. Schon vor der Reformation habe es viel Schlimmes gegen Juden gegeben und Gräuelgeschichten verschärften die Lage, außerdem vertrieben Frankreich, England oder Spanien um das Jahr 1500 die Juden. Bünker interpretierte die Ablehnung Luthers so, dass er die hebräische Bibel genauso exklusiv ansah wie Juden. Reformatoren und Juden hätten beide den theologischen Ansatz der Sola scriptura (lateinisch für „allein durch die Schrift“), kämen aber zu anderen Ergebnissen.

Gedenktag ist ökumenische Initiative
Das Christentum ist in seinem Selbstverständnis wesentlich mit dem Judentum verbunden; damit dies den Christen immer deutlicher bewusst wird, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) im Jahr 2000 den „17. Jänner – Tag des Judentums“ als Gedenktag im Kirchenjahr eingeführt. Dabei sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden und zugleich des von ihnen an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte gedenken.

Die Initiative zum „Tag des Judentums“ geht auf die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz zurück. Auch in Italien, Polen und den Niederlanden wird der Tag des Judentums begangen. Das Datum für den Tag des Judentums ist bewusst gewählt: Den Geist dieses Tages sollen die Kirchen in die anschließende weltweite "Gebetswoche für die Einheit der Christen" (18. bis 25. Jänner) weiter tragen. Denn bei allen Trennungen der Christenheit untereinander sei allen Kirchen gemeinsam, dass sie im Judentum verwurzelt sind, so die Veranstalter.

Veranstalter des Abends waren das Diözesankomitee Weltreligionen, die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Pölten, die Kirchlich Pädagogische Hochschule Wien/Krems, der Katholische Akademiker/innenverband und das Bildungshaus St. Hippolyt.

Wolfgang Zarl, Kommunikationsreferat der Diözese St. Pölten