Von der Lourdes-Grotte zum Samstagsplatzl

Stadtspaziergang mit Bürgermeister Mag. Matthias Stadler

Am Nachmittag des 9. Oktober versammelte sich bei angenehmen Temperaturen um 17°C eine ca. 40 köpfige Gruppe von Mitgliedern, Freundinnen und Freunden des KAV vor den Türen des Rathauses und wartete gespannt auf die Ausführungen des Oberhauptes unserer Landeshauptstadt, dessen Ruf als hervorragender Historiker seine Schatten vorausgeworfen hatte.

Er ließ auch nicht lange auf sich warten und wurde diesem Ruf nach einer kurzen Begrüßung durch unsere Vorsitzende Dr. Angelika Beroun-Linhart mehr als gerecht.
Am Beginn stand eine ausführliche Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Rathausplatzes, der nach der Eroberung des keltischen Königreichs Noricum durch die Römer (15 v. Chr.) eine wichtige Funktion als Marktplatz erhielt. Zur Zeit der Römer entstanden überhaupt in der Provinz Noricum etliche Zivilstädte, von denen aber St. Pölten – damals als Aelium Cetium bekannt – aufgrund des regen Handels immer mehr an Bedeutung gewann. Von der für römische Städte typischen systematischen Planung mit einem geometrischen Straßennetz sind bei genauerer Betrachtung der Linzer Straße und der parallel dazu verlaufenden Kremser Gasse sowie der diese kreuzenden Wiener Straße noch Spuren zu erkennen.
Die jüngsten archäologischen Grabungen auf dem Domplatz 2012 haben das bisherige Wissen über St. Pöltens Besiedlung in dieser Zeit um viele Details erweitert. So gilt es als gesichert, dass sich das älteste römische Haus auf dem Herrenplatz befand (im heutigen Hof des Lokals „Schwarzer Adler“), und dass im Bereich des heutigen Domplatzes vor der Errichtung des Stadtfriedhofs im 9. Jh. mehrere Kirchen vorhanden waren, vorher hatte sich dort ein antiker Gebäudekomplex mit mehreren Wohneinheiten, Arbeits- und Geschäftslokalen befunden.
Das heutige Stadtbild wurde aber im Wesentlichen im Mittelalter geprägt. Nach den Ungarnkriegen und der Neubesiedlung des ehemaligen Benediktinerklosters als Augustiner Chorherrenstift (ausgestattet mit den Reliquien des hl. Hippolyt) gründeten unter dem Einfluss von Passau zwei der Legende nach riesenhafte Brüder, Adalbert und Ottokar, die erste Siedlung. Der Name St. Ypolit sollte sich im Lauf der Jahrhunderte - wahrscheinlich aufgrund schlampiger Aussprache - zu St. Pölten wandeln. Mitte des 11. Jahrhunderts erhielt St. Pölten das Marktrecht. Der im 13. Jh. angelegte Marktplatz, der „Breite Markt“, war quadratisch und wurde erst später durch die Errichtung verschiedener Amts- und Wohngebäude zu einem Rechteck geschmälert. Um ihn herum entstand das Marktviertel, das gemeinsam mit dem Klosterviertel, dem Holzviertel und dem Ledererviertel durch eine doppelte Stadtmauer geschützt wurde.
Mag. Stadler ging besonders auf die Fassadengestaltung und die Geschichte der Franziskaner- und der Prandtauerkirche ein. Beides sind ehemalige Karmeliterkirchen. Die Franziskaner übersiedelten Ende des 18. Jh. im Zuge der Klosteraufhebungen durch Joseph II. von der Wiener Straße (nunmehrige philosophisch-theologische Hochschule) hierher. Das Gebäude vereint mehrere Baustile, doch besonders ins Auge fällt die Rokokofassade mit dem Prager Jesulein.
Die sog. Prandtauerkirche wurde nach den Plänen von Martin Witwer unter der Führung des für St. Pölten bedeutendsten Baumeisters Jakob Prandtauer, der, wie aus Erzählungen bekannt ist, selbst Hand anlegte und seine Baustellen im näheren und weiteren Umkreis von St. Pölten aufgrund seiner Gichtbeschwerden zu Fuß bereiste, errichtet. Die konkav geschwungene Barockfassade der Kirche wurde von Matthias Steindl geschaffen und hat ihre Parallele zur Fassade der Stiftskirche in Dürnstein. Leider diente die Prandtauerkirche nach der Aufhebung des zugehörigen Karmeliterinnenklosters, das als Kaserne verwendet wurde, viele Jahre hindurch als Munitionslager, sodass keine original erhaltenen Teile der Innenausstattung mehr erhalten sind.
Der Weg der interessierten Zuhörerschaft führte vom Rathaus, das mehrere Baustile in sich vereint (romanische Gewölbe auf römischen Fundamenten, noch sichtbare gotische Nischen, Renaissanceturm und -bauteile, Barockfassade) und ursprünglich aus drei Gebäuden bestand, was an den Knicken in der barockisierten Aussenfassade zu erkennen ist, weiter zu den Kloster- und Schulgebäuden des Ordens der Congregatio Jesu, besser bekannt als „Englische Fräulein“ - in Anlehnung an ihre Gründerin Mary Ward (1585-1645).
Während des Marsches durch die Linzer Straße erfreute der Bürgermeister die Gäste mit einigen Anekdoten aus der Barockzeit, als in den Gaststätten, die sich damals entlang der wichtigsten Handelsstraße des Landes befanden, immer wieder hohe Persönlichkeiten oder Musiker wie W.A. Mozart einkehrten und unter der damaligen Bevölkerung Anlass zu Empörung oder Verwunderung gaben.
Ein wichtiges Kleinod der St. Pöltner Innenstadt ist das von Jakob Prandtauer und seiner Bauschule errichtete Institutsgebäude mit barocker Palastfassade. Trotz vieler Klosteraufhebungen im Zuge der Reformen Josephs II blieb dieses Stift erhalten. Es diente schon im 18. Jh. der Bildung junger, adliger Damen und wurde sehr zum Ärgernis der damaligen Bischöfe seitens der Stadtväter - im Gegensatz zu vielen anderen rein kirchlichen Einrichtungen - als förderungswürdig befunden. Umso mehr, als nach der Schulreform 1774 durch Maria Theresia auch die Bildung der Frauen mehr Gewicht bekam.
Der Kapellenraum des Institutes besticht durch die Schönheit der Fresken von Paul Troger und Bartolomeo Altomonte, den von Kaiserin Maria Theresia gestifteten Silbertabernakel und die qualitätsvollen Altarbilder von Reslfeld. Eine Besonderheit stellt die etwas versteckte Lourdesgrotte dar, die selbst versierten St. Pöltnern oft unbekannt ist.

Als nächste Stationen auf dem Weg durch die Wiener Straße standen Riemerplatz und Herrenplatz auf dem Programm der Stadtführung. Der Riemerplatz war früher – wie der Name schon andeutet – der Mittelpunkt des sogenannten Lederer- und Fuhrwerksviertels. Er ist heute der einzige Platz der Stadt mit lückenlosem Althausbestand aus der Barockzeit und wird dominiert durch ehemalige Palais Herberstein. Später diente es auch dem St. Pöltner Bürgermeister Wilhelm Voelkl als Wohn- und Arbeitsstätte. Vorbei am scharfen Eck der ältesten Apotheke der Stadt, nämlich der Apotheke „Zum Goldenen Löwen“, dessen Gebäudekern auf das frühe 16. Jh. zurückgeht, zog die Gruppe zum Herrenplatz, dessen Name von dem benachbarten, heute nicht mehr existenten Herrenhaus (vormals auch Palais Trautson - Wiener Straße 12) stammt. Auf diesem Platz wird seit dem Mittelalter der "Tägliche Markt" abgehalten. Er wird durch die kürzlich restaurierte, weiße Mariensäule bestimmt, deren Laternen seit dem 18 Jh. aufgrund einer Nachlassbestimmung der Stifterin dieses Kunstwerks jeden Samstag und an den Marienfeiertagen beleuchtet werden. Deshalb wird der Platz im Volksmund auch „Samstagsplatzl“ genannt.

Auf dem Domplatz lauschten wir gespannt den Erklärungen zu den neuesten archäologischen Erkenntnissen, die unter der Leitung des Stadtarchäologen Dr. Ronald Risy aus den Grabungen seit 2010 gewonnen wurden.
Zur Römerzeit dürfte sich auf diesem Platz ein großer Komplex bestehend aus Wohngebäuden sowie Arbeits- bzw. Geschäftslokalen und mehreren Innenhöfen befunden haben. Im Norden fand man Hinweise auf einen außergewöhnlichen Großbau, der mit Fußbodenheizung und einer Badeanlage ausgestattet war, wahrscheinlich die Residenz einer hochrangigen Person des 4./5. Jahrhunderts n. Chr. Im 9. Jh. wurde dieser Bau adaptiert und als christliche Kirche in Verwendung genommen. Im 12. Jh. entstand hier die protestantische Pfarrkirche „Zu unserer lieben Frau“. Im Spätmittelalter standen auf engstem Raum vier Kirchen im Bereich des heutigen Domplatzes, wobei die Pfarrkirche 1690 wahrscheinlich im Zuge der Machtgewinnung der katholischen Kirche gänzlich abgetragen wurde. Die Gründung des Stadtfriedhofes in der Mitte des Platzes nahm schon im 9. Jh. seinen Anfang. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er immer größer und entwickelte sich zu einem regelrechten Hügel, der jedoch aus Sicherheitsgründen – das Wasser floss nach Starkregen immer in die Kirche - bereits im 19. Jh. begradigt wurde, sodass bei den Ausgrabungen der Gräber nunmehr die Schicht ab der Barockzeit fehlt. Bürgermeister Stadler wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine solche Vernichtung archäologischer Funde heute undenkbar wäre. Da der Domplatz als Bodendenkmal gilt, das unter gesetzlichem Schutz steht, sind die Grabungen eine gesetzlich notwendige und somit vom Bundesdenkmalamt zwingend vorgeschriebene Maßnahme, um die Neugestaltung des Domplatzes und die erforderliche Erneuerung der Einbauten technisch umsetzen zu können. Viele Bürgermeister vor ihm ließen den Domplatz unangetastet, um den gesetzlichen Auflagen zu entgehen. Doch die Bedeutung dieser größten St. Pöltner Grabung geht weit über unsere Stadt hinaus und findet weltweit großes Interesse.
Neu war für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hinweis, dass das Mosaik im Giebel des Sparkassengebäudes ein Werk von Gustav Klimt ist.

Den Abschluss der Stadtführung bildete ein Besuch in der Domkirche, deren Vorgängerbau aus der Romanik stammt und bereits im 12. Jh. zu Ehren Mariä Himmelfahrt geweiht wurde.
Ihr heutiges Aussehen bekam die Basilika im 17. Jh. - Propst Johann Michael Führer war von anderen hochbarocken Prachtbauten (Stift Melk) so begeistert, dass er mit Hilfe Jakob Prandtauers und Joseph Munggenasts seine hoch gesteckten Pläne für den Umbau der Bistumsgebäude umsetzen wollte. Abgesehen von der Aufstockung der Klostergebäude und der Ausgestaltung der Bibliothek sollte die Außenansicht der Kirche um zwei Türme erweitert werden mit dem bestehenden Turm in der Mitte. Dieser Plan konnte nicht ganz umgesetzt werden, vor allem weil sich Propst Führer finanziell übernahm und das Stift nahezu bankrott war, als er 1739 zurücktrat. Bald darauf wurde das Stift durch Joseph II. aufgehoben, bis es unter Pius VI. Bischofssitz der neu gegründeten Diözese St. Pölten wurde.
Der gesamte ziemlich dunkel wirkende Innenraum der Kirche zeigt die großzügige Neugestaltung der Barockzeit, vor allem durch Werke von Daniel Gran und Bartolomeo Altomonte. Das prächtige Hochaltarbild „Mariä Himmelfahrt“ stammt von dem Barockmaler Tobias Pock, der auch das Hochaltarbild des Wiener Stephansdomes geschaffen hat.
Ganz im Gegensatz dazu ist in der Rosenkranzkapelle, die durch eine schmale Tür auf der rechten Seite des Altarraumes zu erreichen ist, zu sehen, wie die mittelalterliche Stiftskirche ausgesehen haben muss. Man sieht die Kreuzrippengewölbe und die Wandpfeiler in Form von Bündelpfeilern mit reich gestalteten Kapitellen. Diese Kapitelle wurden bei der Barockisierung der Hauptkirche einfach abgeschlagen und sind daher nur noch in der Rosenkranzkapelle erhalten. Der Raum ist außerdem sehr hoch und relativ schmal, weil diese Kapelle vor den Umbauten im 17. Jh. ein Teil des rechten Seitenschiffes der Kirche gewesen war. An der Rückseite befindet sich der Grabstein des Propstes Michael Führer, dessen sterbliche Überreste hier ihre Ruhestätte gefunden haben.

Ein besonderer Leckerbissen im wahrsten Sinne des Wortes war zum Ausklang des Nachmittags die Einladung des Herrn Bürgermeisters in seine Arbeitsräume, wo eine ansprechende Agape und eine sehr einladende Atmosphäre auf die Besucher warteten.
Das Bürgermeisterzimmer, der ehemalige Ratssaal, wird eindeutig von der barocken Kaiserstuckdecke mit den Medaillon-Bildnissen der römisch-deutschen Kaiser (Friedrich III. - Karl VI.) dominiert. Auch die 3 göttlichen Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung) sowie die 4 Kardinaltugenden der antiken Philosophie (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung) blicken in Form von Frauengestalten auf die Gäste herab, wobei der Göttin der Gerechtigkeit bei der Besetzung St. Pöltens durch die Russen am Ende des 2. Weltkrieges die kleine goldene Waage „abhanden“ kam. Natürlich darf auch die Ahnengalerie der Vorgänger des heutigen Bürgermeisters in einem solchen Raum nicht fehlen, wobei nicht für alle Platz ist, sondern immer mit einem neuen Bild bei Abdankung eines Amtsinhabers der erste in der Reihe ins Archiv wandert und alle Bilder um eines weitergerückt werden.
Zum Schutze dieser kunstgeschichtlich sehr bedeutenden Stuckdecke befindet sich ein groß dimensionierter Zimmerbrunnen aus weißem Marmor in diesem Raum, um das Austrocknen des gipshaltigen Materials mit folgender Rissbildung zu verhindern.
Das Lieblingsinventar des Chefs der Landeshauptstadt war eindeutig in einer einwandfrei funktionierenden Standpendeluhr aus dem 18. Jh. (Uhrmacher Welz aus St. Pölten) zu erkennen, die eine Dame, die damals im Bürgerspital gut behandelt worden war, der Stadt vermacht hatte.
Zwei besondere Exponate aus dem Stadtmuseum lagen zur Ansicht vorbereitet auf dem Tisch, nämlich die Bürgermeisterkette, die das Stadtoberhaupt nur zu ganz besonderen Anlässen trägt, und eine mittelalterliche Armbrust, die bestaunt, aber aus Sicherheitsgründen nicht ausprobiert werden sollte.

 Wie aus diesem Artikel ersichtlich ist, war der Nachmittag gefüllt von wertvollen, äußerst interessanten kunstgeschichtlichen und historischen Informationen, verpackt in einen verständlichen, sympathischen Vortrag des sehr bevölkerungsnahen, bescheidenen Herrn Bürgermeisters, der es versteht, Jung und Alt in den Bann der Landeshauptstadt Niederösterreichs zu ziehen.
Es war ein Vergnügen, den fundierten, kurzweilig vorgetragenen Ausführungen zu folgen.
Noch ein herzliches Dankeschön Herrn Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und seinem Team.

Autor: Markus Berger, BEd MSc

Zur Fotogalerie zur Verfügung gestellt von Herrn Meinrad Reinberg.