Wie lange darf ein Leben dauern?

Ein Nachdenken über unsere Veranstaltung vom 21.10.2021

Carl Aigner, Initiator und Moderator der Diskussion, setzte sich einleitend sowohl auf philosophischer als auch auf praktischer Ebene mit der Thematik auseinander und stellte Fragen nach dem sinnvollen Leben und den globalen Zusammenhängen.


Margot Azmann: Aufgrund der persönlichen Erfahrungen – ihre Tochter beging vor 7 Jahren Suizid und in der Familie ihres Mannes gab es vier Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzten – war ihr Statement ein intensiver Einstieg in das Thema. „Das Einzige, das hilft, ist, darüber zu reden“ war der Tenor von Azmann, denn problematisch sieht sie das Schweigen der Gesellschaft zu diesem Thema. Sowohl sie als auch ihr Mann hatten alles unternommen, um den Suizid ihrer Tochter zu verhindern. „Doch entweder gibt der Geist auf und der Körper ist noch voll lebendig, oder der Körper gibt auf und der Geist ist noch voll lebendig. Beides ist für den Betreffenden eine Qual“, so Azmann.

Rudolf Likar betonte, dass es für uns Menschen wichtig ist, in eine liebende Gemeinschaft eingebettet zu sein. Covid – so Likar – hat gezeigt, dass es sehr schnell zu einer unterschiedlichen Bewertung von jungen und alten Menschen gekommen ist. Unserer Gesellschaft fehle die Wärme. In seinem Buch „Es lebe der Tod“ unterstreicht er die Wichtigkeit des Themas Tod, da dies dazu führt, dass wir im Hinblick auf unsere Begrenztheit bewusster leben.

Rupert Grill stellte die Frage in den Raum, wer die Instanz sein solle, die über die Finalisierung des Lebens entscheiden soll. Der Staat habe jene zu schützen, deren Freiheitsgrad zu schwach ist. Das Bild des guten Hirten, der die 99 Schafe zurücklässt, um das eine zu retten, habe den Sozialstaat geprägt. Die Politik habe auf jeden Einzelnen zu achten.

Bischof Alois Schwarz – angesprochen auf den Beitrag der Kirche zu diesem Thema – sagte, dass die Kirche den Menschen vermitteln möchte, dass Gott mit ihnen ist. Der Name Gottes „Ich bin da“ gilt besonders für die leidenden Menschen auf den Intensivstationen. Daher auch der Slogan der Kirche in der Diözese St. Pölten: ICH BIN. MIT DIR.


Leider wurde ein Themenbereich in dieser Runde nicht näher angesprochen, der für die Haltung vieler Menschen noch heute grundlegend ist: die Einstellung der katholischen Kirche zum Suizid, der über Jahrhunderte verpönt war und tabuisiert wurde. Noch im Katechismus von 1993 wird betont, dass der Selbstmord der Liebe zum lebendigen Gott widerspricht und die freiwillige Beihilfe zum Selbstmord gegen das sittliche Gesetz verstößt.
Sowohl dieser Punkt als auch die vielen Diskussionsbeiträge der Anwesenden ließen den Wunsch nach einer weiterführenden Veranstaltung laut werden.

 

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